Liebe kennt kein Geschlecht – Polyamory

Es gibt wenige Themen, die so stark unter Bisexuellen polarisieren wie das Thema Polyamory. Ich erinnere mich an viele Diskussionen, in denen man sehr genau versuchte, sich zwischen Bisexualität und Polyamory abzugrenzen. Einige meinten, das Polyamory etwas sei, das getrennt betrachtet werden muss von Bisexualität. Ich finde es schade, denn alle Bisexuellen, Pansexuellen und Nicht-Monosexuellen, die sich zugleich als polyamor sehen, sind ein Teil der bunten Gemeinde.

Was genau ist das, dieses „Polyamor“?

Nicht jede/r möchte monogame Beziehungen führen, und vielleicht liegt dir eine polyamore Beziehung eher. Der Name bedeutet so viel wie “viele-Lieben” – also mehr als eine/n Partner/in zu haben, und alle Beteiligten wissen darüber Bescheid. Wenn jemand so leben will, braucht es viel Zeit und Rücksicht, und jede/r Partner/in muss offen und ehrlich kommunizieren und die jeweiligen Limits der anderen verstehen und respektieren.

Was mir gut an der polyamoren Liebe gefällt, ist die Ehrlichkeit. Jeder weiß von den anderen Partner, es gehört sicher viel Arbeit dazu und auch manche Eifersuchtsattacken und Gefühle müssen ausgehalten und reflektiert werden.

Ich kenne einige Menschen, die polyamor leben. Es ist ein Lebensentwurf, den ich für mich zur Zeit nicht teile; aber ich kann es verstehen und nachvollziehen, dass es dies gibt. Manche sind glücklich damit, andere weniger. Es kommt wie in jeder Situation immer auf den Menschen an, der dies lebt.

In Diskussionen wird immer wieder unterstellt, dass bisexuelle Menschen eigentlich auch zugleich polyamor sind. Das glaube ich nicht. Polyamory ist eine Lebensweise, eine Einstellung und ein Wunsch nach einer bestimmten Form von Beziehungen. Polyamor ist auch mehr als “Ich habe einen Partner und eine Daueraffäre mit der ich mich zum Sex treffe”; es sind mehrere Menschen, die zusammen eine Beziehung führen. Die Partnerschaften können gleichberechtigt sein, oder eine Partnerschaft kann mehr Bedeutung haben als eine andere.

Manchmal erscheint es mir, als sei Polyamory in der Bi-Szene üblicher – aber ich glaube, das liegt nur daran, dass die Menschen hier eher dazu stehen, nicht nur bisexuell, sondern auch polyamor zu sein. Wenn man genauer hinschaut, scheint es gar nicht so, dass viele Bisexuelle poly sind oder gerne wären.

6 Kommentare zu Liebe kennt kein Geschlecht – Polyamory

  1. Interessantes Thema.

    Daß ich nicht monogam bin, ist mir schon lange, bevor mir meine Bisexualität klar war, bewußt gewesen. Damals lebte ich noch als „100 % Lesbe“. Ich war zwar in meinen Beziehungen immer treu, aber es kam vor, daß ich zwei Frauen gleichzeitig liebte und dann den Kontakt zu beiden abbrach, um mich nicht entscheiden zu müssen.

    Als dann mein jetziger Mann in mein Leben kam, ist sowieso meine „Welt“ erstmal weggebrochen, ich fand mich plötzlich in eine Hetero-Welt katapultiert, mit der ich bis heute nicht besonders gut klarkomme. Dennoch, in den ersten Jahren war Polyamorie für mich kein Thema, weder vom Verlangen noch vom Denken her, das hat sich mit den Jahren erst wieder „eingeschlichen“. Und zu meiner Überraschung waren es dann eher Männer, in die ich mich verliebt habe.

    Diesen Weg mit meinem Mann zusammen zu gehen – in der Form, daß ich ihm nie etwas verheimlicht habe, wir auch ziemlich schmerzhafte, offene Gespräche miteinander geführt haben bis hin zur Öffnung unserer Beziehung – das war schon nicht so einfach.

    Und jetzt denke ich: es ist für mich nicht primär wichtig, ob ich Sexualität mit beiden Geschlechtern lebe. Nähe, Verbundenheit ist mir wichtiger. Meine Gefühle für Frauen sind anders als die für Männer, beide sind nun mal da. Anders als früher fühle ich mich nicht mehr so „unvollständig“, einfach weil ich weiß, daß mein Mann mein Lebenspartner ist und bleibt. Was sonst noch kommt, je nun. Kann man so oder so nicht vorhersehen, egal, ob man’s irgendwie nennt. So sein zu dürfen und wahrgenommen zu werden fühlt sich eben gut an, nicht so unvollständig.

  2. …ich bin bi – und finde das gut so!
    Man sollte Liebe nicht mit „Sexualität ausleben“ verwechseln.
    Es mag Menschen geben die wirklich mehr als nur „den einen Menschen“ lieben, aber üblich scheint mir das nicht. (Abgesehen von Eltern etc.)
    Vielmehr sind die sexuellen Begierden die Triebfeder für mehrere Sexpartner gleichzeitig.
    Nur ist es schwierig eine/n feste/n Partner/n zu finden, die/der dies akzeptiert; denn jede/r möchte am liebsten die/der Einzigste sein.

    • Liebe, Beziehung und Sexualität sind gekoppelt an biologischen gegebenheiten und sozialer und psychischer Konditionierung. Es gibt auch ein sehr großen Generationsunterschied und ob man in einen ehr ländlichen Raum lebt oder in einer Großstadt. In einer Großstadt wird man ehr Partner seine Wahl finden als auf dem Land. Ich hatte selbst schon im meinen Leben die Situation das ich in mehr als eine Person verliebt war. Aber Liebe ist noch lange nicht die Vorrausetzung dafür das man die Beziehung führen kann, da kommt dann viele andere Dinge dazu. Ich bin mir nicht sicher ob sexuelle Begierden die Triebfeder für mehre Partner ist, das können auch Familenwünsche, Sicherheitsbedürfnisse sein und vieles weitere. Sexualität ist ein Baustein des emotionalen Gefüges meiner Meinung nach, das uns aggieren und handeln lässt aber halt auch nur ein Baustein.

  3. Bisexuell ist eine Sexualität
    Polyamor ist eine Beziehungsform / Variante von Partnerschaft

    Beides hat nix miteinander zu tun im Grunde, tritt aber gerne zusammen auf. Vor allem ist mir aufgefallen, das viele Communitys versuchen sich da zu definieren, zum Beispiel wennein Mensch eine Beziehung zu einer Frau und einen Mann wünscht oder führt. Da gibt es viele die sagen das ist Polyamor andere finden andere Begrifflichkeiten dafür.

    Das geht dann bis zu solchen Begriffen wie ihn die Community Liebe Leben Leute erfunden hat, ich zitiere: „Gonogamie / Gonoamorie(gonogam / gonoamor, Kunstwort und Oberbegriff für geschlechtliche Monogamie) bezeichnet eine weit verbreitete Lebensform von Bisexuellen, bei denen zwar eine polyamore Lebensweise vorliegt, welche sich aber auf jeweils nur eine Person pro Geschlecht beschränkt.
    Die Bezeichnungen Monogam / Monoamor und Polygam / Polyamor sind für diese Bisexuellen völlig unzutreffende Bezeichnungen. Sie sind sowohl monoamor, wie auch polyamor, je nach Sicht des Betrachters.“

    Es gibt halt bisexuelle, pansexuelle und nicht monosexuelle Menschen für die diese polyamore Lebensweise ein wichtiges Merkmal ist, manchmal auch das was wichtiger ist als die Bisexualität. Die Frage ist halt, wie wird man den verschiedenen Strörmungen gerecht?

  4. Naja, ich meine „polyamor“ passt deshalb nicht dazu, weil es mit einem „und“ verknüpft wird, also z.B. „bisexuell & polyamor“. Während Begriffe wie LGBTIQ* sich (eigentlich) nur mit einem „oder“ verküpfen lassen können, also z.B. “ homo- oder heterosexuell“. Deshalb mache ich immer ein wenig Front, wenn das irgendwo vermischt wird 🙂

    • Die einzigen Begriffe, die ein striktes „oder“ erfordern, beziehen sich auf Geschlechterbinärität, also die Fragen „Bist du ein Mann oder eine Frau?“ und „Stehst du auf Männer oder auf Frauen?“
      Ich finde es seltsam, dass es Menschen gibt, die „Beides!“ auf eine Oder-Frage antworten und ihrerseits dann doch so sehr am „Oder“ hängen.

      @Legitimität polyamorer Identität

      Wer Polyamory auf einen „Lebensstil“ oder eine „Beziehungsform“ reduziert, ist sich warscheinlich nicht einmal sicher, was ein Lebensstil (umgangssprachlicher Begriff für Subkulturen) oder eine Beziehungsform überhaupt ist.

      Es gibt tatsächlich sowas wie eine polyamore Subkultur, ähnlich wie es z.B. auch eine schwule Subkultur gibt und eine sich allmählich definierende bisexuelle Subkultur.
      Beziehungsformen wiederum gibt es eine Menge und all diese haben nichts mit der Multiplität von Beziehungen zu tun… sogar monogame Beziehungen neigen ja bekanntlich zu Parallelität (Affären).

      „Polyamory hat im LGBTIAOW nichts zu suchen“ ist ein Standpunkt, an dem ich Front mache, denn Polyamory beschreibt nunmal eine (von der Norm abweichende) sexuelle Identität, genauso wie Bisexualität auch.

      Das eventuelle Vorhandensein „polyflexibler“ Menschen sollte besser nicht zum Anlass genommen werden, Polyamory als Ganzes zu marginalisieren. Das wäre in etwa so als wie Homo-/Bisexualität zu marginalisieren, weil es auch Leute gibt, die „nur betrunken schwul“ sind oder gleichgeschlechtlichen Verkehr „im Rahmen von Gruppensex okay“ finden.

      Wer spezifisch „polyamore“ Sexualpraktiken braucht, die sich nicht als hetero-/homosexuell klassifizieren lassen, um Polyamory als sexuelle Identät gelten zu lassen, erkläre mir bitte, was ich mir unter exklusiv „bisexuellen“ Handlungen vorzustellen habe.

      @Polybiqueer-Identitäten

      Queere Identitäten lassen sich zwar verschieden betrachten, aber letztendlich nicht in irgendwelche Bausteine zerlegen. Wer von schwulen Monogamie-Debatten oder der lesbischen Schlampagne Wind bekommen hat, hat da sicher anschauliche Beispiele im Hinterkopf. Den Spruch „Monogamie ist für Heteros“ haben die meisten Menschen, die sich mit irgendeiner Form von Queerness auseinander gesetzt haben, sicher mal gehört.
      Klar, dass sich auch die bisexuelle Szene daran entzündet… die Frage, inwiefern sich nicht-heterosexuelle Menschen an heterosexuelle/heteronormative/heterosexistische/patriarchale Normen halten sollten, ist halt nicht nur für Homosexuelle interessant.
      „Gonogamie“ ist da ein super Anschauungsbeispiel: Ein solches Nischenkonzept kann letztendlich nur von Individuen erdacht werden, für die ihre eigene Bisexualität und ihre eigene Nicht-Monogamie emotional das selbe sind. (Womit ich bei Weitem nicht behaupten will, „Gonogamie“ sei der einzig logische Schluss daraus.)
      Der einzige Grund, der mir einfällt, warum ein bisexueller Mensch Zusammenhänge zwischen Bisexualität und Polyamory lieber unter den Tisch fallen lassen will, ist Intoleranz gegen andere Bisexuelle… vielleicht ja aus Angst vor dem moralischen Urteil des heterosexuellen Umfeldes, wer weiß? Auf jeden Fall hat mE kein Mensch einem anderen vorzuschreiben, wie dieser seine persönliche Identität wahrzunehmen und zu gestalten hat, also auch nicht darauf zu bestehen, dass eine andere Person ihr polyamores und ihr bisexuelles Empfinden in irgendeiner Weise voneinander zu trennen hätte.

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