Pan vs. Bi

„Sag mal, warum definierst du dich eigentlich als Bisexuell“, fragte mich vor einiger Zeit ein Mitmensch „und nicht als Pansexuell. Bisexuell das ist doch voll Binär und gegen Menschen welche die Geschlechterrollen ablehnen und schließt Trans* und Inter* aus." Mich trieb diese Frage seitdem um, so richtig habe ich keine Antwort darauf gefunden und schwanke zwischen politischen Aktivismus und der Realität. Ich hörte mich darauf in der Community um und stellte die Frage: „Was haltet ihr eigentlich von der pansexuellen Bewegung?“ Als Antwort kam darauf oft, dies sein ein Teil der Bisexuellen, die Pans spalten die eh schon schwache Community auf. Sehr oft wurde ich gefragt „Was ist Pansexuell?“

Eine ganz gute Erläuterung des Begriffes findet sich im Genderglossar, hier nur ein Ausschnitt als Zitat:

In einem queer-politischen Zusammenhang wird Pansexualität als Gegenkonzept zur ‚Natürlichkeit‘ heterosexueller Zweierbeziehungen verstanden. Ähnlich wie dem Begriff queer (Kraß, 2003; Degele, 2008) liegt auch dem der Pansexualität eine gewollte Unbestimmtheit, eine „fluidity in sexual orientation and gender expression“ (Lenius, 2011, S. 424) zugrunde. In dieser Perspektive auf Pansexualität werden dichotomisierende Kategorien von sex, gender und Sexualität bzw. Begehren abgelehnt (Myers, 2009). Pansexualität ist so gegen Bisexualität abzugrenzen, welche zwar die Wahl zwischen zwei Geschlechtern bzw. Geschlechtspartner_innen transportiert, letztlich aber die binäre Mann/Frau-Opposition sowie die vermeintliche Kohärenz von sex und gender nicht in Frage stellt (Myers, 2009, S. 422). Häufig wird Pansexualität als Polyamorie (‚Viel-Liebe‘) (miss-)verstanden, wobei letztere sich auf den Bereich intimer Beziehungen und die Anzahl der beteiligten Partner_innen bezieht (Herbert, Radeva & Zika, 2013) und einen alternativen L(i)ebensentwurf zur Monogamie bzw. Monoamorie darstellt. Im Unterschied zum pansexuellen Konzept wendet sich Polyamorie nicht zwangsläufig gegen Vereindeutigungen von Geschlecht und Geschlechtsidentitäten.

Einfach ausgedrückt, Pannsexuelle unterscheiden in ihren Sexual- und Liebesbeziehungen nicht nach Geschlechts bzw. Geschlechtssidentitäten. Die aktuelle Verwendung von Pansexualität, der wie Bisexualität aus der Soziologie und Psychologie stammt, wird bestimmt durch den Genderdiskurs und der Trans*-Bewegung und viele Menschen die sich damit Identifizieren verwenden ihn entsprechend.

Als Reaktion darauf haben bisexuelle Aktivisten begonnen neue Definitionen von Bisexuell zu bilden, welche Unterstreichen sollen das Bi mehr als Zwei ist. Solche Definitionen sehen oft wie folgt aus:

Bisexuell bedeutet, sowohl gleich- als auch andersgeschlechtlich zu begehren. Das Begehren richtet sich jedoch nicht nur auf Männer und Frauen, sondern auch auf nicht binär verortete Personen.

Diese Definition wird wiederum von Pansexuellen Aktivisten abgelehnt und es beginnt der Kampf um das Wort. Beide Gruppen bestehen zum Teil auf ihre Deutungshoheit der Begriffe ohne auf die andere Gruppe einzugehen.
Der Begriff Bisexuell ist langläufig bekannt, wird von der LBGTQI* getragen und ist im gesellschaftlichen Kontext ehr akzeptiert, wird aber abgelehnt, weil er den nicht binären Teil (als alle Menschen die sich nicht als Bio Mann oder Bio Frau definieren) der Gesellschaft unsichtbar macht. Eine Zwickmühle wo man meiner Meinung nach mit Political Correctness nicht weiterkommt. Den es geht hier um Emotionen, Sichtbarkeit und Wortklauberei.

All diesen Begriffen stammen aus den Anfängen der Psychologie und dienten zur Pathologisierung der Sexualität.Die Begriffe mit der wir unsere Sexualität definieren und uns gegenseitig um die Ohren hauen haben irgendwelche weißen europäischen Männer in der Mitte des 19. Jahrhunderts / Anfang des 20. Jahrhunderts erfunden.

Angefangen hat dies mit Karl Maria Kertbeny um 1869. In seinen Schriften prägte Kertbeny das Wort „homosexual“ als Bestandteil für für die Klassifikation von sexuellen Typen von Männern. Sexualwissenschaftler wie Richard von Krafft-Ebing und Magnus Hirschfeld etablierten die Begriffe Homosexuell und Heterosexuell und begannen die Sexualität des männlichen Menschen zu katalogisieren und zu definieren. Eine Zweiteilung der männlichen Sexualität war geboren. Damals gab es den Begriff Bisexualität noch gar nicht in seiner heutigen Form. Erst durch Sigmund Freud und die Psychoanalyse durfte Bisexuell langsam ihre heutige Bedeutung gekommen sein. Für viele Psychologen vor allem Analytiker ist Bisexualität nur eine Phase in der Pubertät und schon Freud hatte seine Probleme mit den Menschen die mehr als ein Geschlecht lieben können.Ursprünglich (in der Psychologie / Medizin bis heute) bedeute Bisexualität Doppelgeschlechtlichkeit. Vorhanden sein von Geschlechtsorganen bzw. Geschlechtsorganen beider Geschlechter bei einem Individuum.

Frauen kamen selten in den Betrachtungen vor, der männlichen Wissenschaftler in den Anfängen der Sexualwissenschaft und der Erforschung der Sexualität und von Menschen die sich jenseits der Geschlechternormen von Europa des 19. und 20. Jahrhunderts bewegen müssen wir erst gar nicht reden.

Der Begriff Pansexualität ist ursprünglich von Otto F. Kernberg, ein Wiener Psychoanalytiker. Er bezeichnet Pansexualität als ein diagnostisches Symptom bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung.Irgendwann wurde dann der Begriff soweit umgedeutet bis er die heutige Definition hat und eine Community ihn sich als seine Bezeichnung gibt für ihre Ansicht hat über ihre Sexualität.

Für mich stellen sich daraus folgende Fragen die wir gemeinsam beantworten sollten und in den Diskurs gehen:

1.)  Haben nicht beide Gruppen mehr gemeinsam als trennend und kann man nicht einfach zusammen für die Sichtbarkeit streiten, füreinander und die Begriffe dürfen gleichberechtigt nebeneinanderstehen und der eine meint auch das andere, meint alle Wesen der Spezies Mensch die sich lieben?

2.)  Sind die beiden Begriffe emotional nicht verbrannt? Angefangen von ihren Mehrfachbedeutungen und vor allem der mit den Begriffen verbundenen Pathologisierung und wie stark darum gestritten wird. Wird es nicht Zeit sich selbst schöne Worte zu geben als Begriff, als Gemeinschaft, ein Begriff für Liebe, Begehren und Geschlechtsverkehr über die normalen Geschlechter- und Rollenbilder hinaus? Ein Begriff der verbindet und nicht trennt, sich nicht in dem Mausoleum der Geschichte alter weißer europäischer Männer bewegt. Durch eine neue Wortschöpfung den eigenen Weg breiter macht oder wollen wir um Begriffe in der Zukunft kämpfen als um unsere Freiheit mit wem wir ficken, zusammenleben und lieben wollen?

Die Antworten heißt es wirklich zu finden. Ich sehe und spüre, dass der Kampf um die Wahrheit der Begriffe erst begonnen hat. Er könnte für die Gemeinschaft der Menschen die frei lieben und wählen möchten sehr schmerzhaft werden und dafür sorgen das wir uns auf die falschen Gegner, nämlich uns selbst fokussieren. Der eigentliche Gegner ist aber die Konservativität und antisexueller Stimmung und stellt sich gegen die Freiheit nicht wählen zu müssen zwischen den sichtbaren Schubladen Homo und Hetero.

2 Kommentare zu Pan vs. Bi

  1. Hups! Hier wird aber einiges durcheinandergemischt. Das ‚erfinden‘ von Deklarationen bezieht sich auf die zunächst gebildete Homosexualität, woran sich die Heterosexualität anschloß. Bei der Bisexualität verhält es sich jedoch anders, denn diese Deklaration wurde von der Biologie übernommen.

    So herrscht bezüglich Letzterem ein noch heute anhaltender Machtkampf, auch diesem ein Pseudokredenzen aufzuerlegen. Die Biologie hat hier klare Richtlinien gesetzt, worin die Bisexualität ein ‚beide Geschlechter beinhalten‘ zur Deklaration hat und daneben ein ‚Geschlecht wechselnd‘ mit der Deklaration von Ambisexualität existiert.

    Somit ist auch ein Händeln von Bisexualität ohne den Einbezug der Differenzierung zur Ambisexualität gar nicht Sachlage, denn beide sind klar voneinander getrennt. Bei Ersterem handelt es sich um ein zu Dritt und bei Zweiterem ist das angestrebte Geschlecht unspezifziert.

    Eine klare und damit klärende Spezifikation entsteht, wenn man den eigentlichen Umgang mit der sexuellen Konstitution als Veranlagung einbringt. Das klärende Bild darüber ergibt sich, wenn man beginnend mit den Heterosexuellen sich vor Augen hält, daß diese auf Verbindungen mit Heterosexuellen veranlagt sind. Dies gilt für weitere Veranlagungen ebenfalls, so für die Homosexualität und die Bisexualität.

    Bei den Ambisexuellen und Pansexuellen hingegen hat man es mit einer Unspezifiziertheit oder klarer ausgedrückt, Unausgeprägtheit zu tun (Geschlechtstyp nicht festgelegt) und differenziert sich somit dementsprechend.

  2. Super Artikel! Und tatsächlich sogar ein paar neue Hintergrundfacts für mich …
    Ich bezeichne mich zwar als „bisexuell“ (historisch und für Sichtbarkeit), erkenne aber die Vorteile von „pansexuell“ und fühle mich mit Pansexuellen in einem Boot.
    Ich bin für den bisexuellen Regenschirm von Shiri Eisner. Meinetwegen darf er auch pansexueller Regenschirm heißen, es dreht sich einfach darum, dass die ganzen Begriffe und Definitionen von Nicht-Monosexuellen/Nicht-Monoamoren eine Gemeinschaft bilden und dass wir etwas gemeinsam haben und uns eigentlich nicht so viel trennt …

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