„Vielfalt statt Einfalt“

Meine erste Demo seit vielleicht 10 Jahren:1

Die Vorgeschichte:
Während die Bildungsbehörden und teilweise Politiker_innen verstanden haben, wie wichtig sexuelle Aufklärung und Erziehung zu Toleranz und Respekt sind, sehen das einige erzkonservative Menschen anders. Sie nennen sich „Besorgte Eltern“2 , haben Kontakte zu rechtsradikalen Gruppen und werden auch von Prominenten aus diesem Lager unterstützt.

Die haben angeblich Angst vor einer Sexualisierung von Kindern in Grundschulen und dass alle Kinder von der Homolobby schwul gemacht werden sollen.

Weil auf irgendeiner alten Liste der Behörde auch ein Buch3 stand, in dem neben vielen zweifelsfreien auch zwei Übungen zu finden, die nicht unbedingt für die Schule geeignet sind, bezeichnen zwei Autor_innen der FAZ4 nun gleich alle Sexualpädagog_innen als pädophil.
Die BILD legt natürlich nach und schreibt selbstverständlich ohne Recherche von „Gruppensex-Unterricht in allen Schulen“5. So niveaulos und unsinnig das alles ist, es glauben ja doch viele Leute, erst recht wenn eine einst renommierte Sexualpädagogin das Lager wechselt und nun für das den Rechtsradikalen nahe Blatt „Junge Freiheit“6 Rede und Antwort steht!

Jetzt mobilisieren die „Besorgten Eltern“ also und wollen Aufklärung am besten ganz verbieten, auf jeden Fall in der Grundschule. Sie sind gegen Gendermainstreaming7, was für eine Gleichberechtigung von Frau und Mann, LSBTI* und auch Regenbogenfamilien stehen. Die heteronormative Ehe sei ja in Gefahr, die Grenzen der Kinder würden überschritten, und die Welt gehe wohl dadurch unter, wenn man über Homo- und Bisexuelle redet, Trans*-Kinder schützt und es nicht unkommentiert stehen lässt, wenn Jungs als „schwule Sau“ beschimpft werden.

Dabei ist das Tabuisieren von Sexualität und realer Vielfalt (es gibt ja durchaus nicht nur Standardfamilien mit Mama, Papa, zwei Kindern, sondern z.B. auch Alleinerziehende, zwei Mütter und Patchworkfamilien) ja nur ein Unterstützen von sexuellem Missbrauch. Über dieses Thema wird dann erst recht nicht geredet, aber es gibt unzählige Kinder, die in der (Hetero-) Familie missbraucht werden. Nicht darüber reden soll die Lösung sein.

Auf zur Demo:
In Hannover war am 22.10. Tag der Demos: eine Rechtsradikalen-Demo, eine Antifa-Gegendemo, die Demo der „Besorgten Eltern“ gegen Aufklärung, Vielfalt und Gendertheorien und die Gegendemo „Vielfalt statt Einfalt“8!

Am Hauptbahnhof wurde ich von einer Frau vom Hannoveraner Bi-Stammtisch uferlos9 abgeholt.

Schon auf dem Weg zum Platz gab es eine spannende Begegnung: Eine andere Frau sieht mein Plakat „keine Aufklärung = Förderung von sexuellem Missbrauch“ und fragt: „Wie jetzt? Freund oder Feind?“
Die Eingangsfrage sagt schon einiges aus. Als geklärt war, dass ich für und nicht gegen Aufklärung bin, wurde gedroht: „Auf ein heftiges Aufeinandertreffen bei der Demo!“, meine Argumente wurden abgetan.

Unsere Demo war dann eine Steh-Demo, also ohne Lauf durch die Stadt, sondern mit einer Bühne, wo viele Leute etwas sagten und auch gesungen wurde.
Dabei waren u.a. eine Frau, die aus der Sozialarbeit zu berichten wusste und uns eine spannende offene Aufgabe für den Gesellschaftsunterricht erklärte10
, ein Trans*-Mann, der Schüler_innen-Rat Niedersachsen11, der sich -vertreten durch ein Mädchen und einen Jungen- deutlich für Aufklärung aussprach, und schließlich eine Frau, die Mitglied beim Bundesverband der Eltern, Freunde und Angehörigen von Homosexuellen (befah12) ist. Diese sagte, dass sie natürlich für den Schutz von heteronormativen Familien sei. Aber eben nicht nur von denen. Sie habe einen Sohn, der einen Mann geheiratet hat, und einen, der eine Frau geheiratet hat. Sie wünscht sich auch Schutz ihrer Familie. Und die Familie des einen Sohns ist nicht schlechter als die des anderen. Das Männerpaar hat übrigens jetzt ein Pflegekind/Adoptivkind (?) bekommen und lässt es mit Liebe aufwachsen. Und Liebe sei ja das Wichtige.
Es gab viel Applaus.

Auch immer wieder wurde darauf hingewiesen, dass früher gar keine Aufklärung über LSBTI* stattfand und Schule sich ja um alle Kinder kümmern müsse.

Schön zu sehen war, dass auch viele Kinder mit ihren Familien (Regenbogenfamilien) dabei waren … und glücklich dabei aussahen.

Irgendwann war dann Schluss, wobei einige wollten, dass wir noch rüber zur Gegendemo gingen. Ich hatte aber Zweifel, einem Haufen von rechten, irrationalen Menschen zu begegnen.
Die „Besorgten Eltern“ verteilten auf ihrer Seite natürlich keine Regenbogenflaggen, sondern rosa Luftballons für Frauen und blaue für Männer13.
Die Stadt Hannover zeigte aber direkt über diesem Platz deutlich Stellung mit Regenbogen-Fahnen.

Frank

Update: In Hamburg gab es etwas später ebenfalls eine Demo und Gegendemo. Die Gegendemo war sehr gut besucht und von vielen Gruppen, Organisationen und Parteien unterstützt. Auch hier gab es einige Informations-Beiträge. Die Demo der „Besorgten Eltern“ dagegen war sehr klein und von Polizist_innen eingekesselt. Die Schilder enthielten Rechtschreibfehler und populistische Äußerungen. Unschön fand ich allerdings, dass ein paar Gegendemonstrant_innen auf die Idee kamen, das Werfen von Schneebällen in den Kreis wäre ganz lustig.

  1. Mittlerweile weiß ich, dass die 10 Jahre nicht stimmen, wenn man CSDs mitrechnet und eine Demo für mehr Bildung.
  2. http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2014/03/25/europaische-rechte-unterstutzen-initiative-besorgte-eltern_15457
  3. http://www.spiegel.de/schulspiegel/sex-aufklaerung-forscherin-tuider-ueber-streit-um-sexuelle-vielfalt-a-1001437.html
  4. http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/experten-warnen-vor-zu-frueher-aufklaerung-von-kindern-13203307.html
  5. http://www.bild.de/bild-plus/regional/hamburg/sexualkunde/erklaert-12-jaehrigen-gruppensex-38367582
  6. http://www.queer.de/detail.php?article_id=22702
  7. http://de.wikipedia.org/wiki/Gender-Mainstreaming
  8. https://www.facebook.com/buendnisvielfaltstatteinfalt
  9. http://www.andersraum.de/cms/gruppen/uferlos.php
  10. Es ging um einen Autounfall: Ein Vater fuhr seine Tochter in einem schnellen Sportwagen zum Fußballtraining. Da der Vater zu schnell fuhr, kam es zum Unfall, bei dem der Vater sofort starb. Das Mädchen wurde aber noch ins Krankenhaus gefahren. Doch der amtshabende Arzt sah das Mädchen und sagte: „Ich kann sie nicht operieren – das ist meine Tochter!“ Dieses Rätsel sollen Schüler_innen nun auflösen: Hier gibt es viele Lösungen:
    • Einer der beiden ist der Stiefvater.
    • Der Arzt ist Samenspender.
    • Die beiden in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebenden Männer sind über sukzessive Adoption beide Vater des Kindes geworden.
    • Für den feststehenden Begriff „amtshabender Arzt“ gibt es keine weibliche Form, und der Arzt ist eine Ärztin und damit die Mutter.
  11. Siehe auch Position vom badenwürttemberger Schüler_innenrat: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/lehrplaene-in-baden-wuerttemberg-landesschuelerbeirat-gegen-panikmache-ueber-sexuelle-vielfalt-12745678.html
  12. http://www.befah.de/
  13. http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/Konservative-gegen-sexuelle-Vielfalt-an-Schulen,demo964.html

2 Kommentare zu „Vielfalt statt Einfalt“

  1. Dietrich Schütz // 24. Juli 2016 um 08:51 // Antworten

    Vielleicht interpretiere ich zuviel aus der seltsamen Reaktion einer Gay-Pride-Anhängerin auf meine Bi-Pride Fahne, aber ich habe es nicht für möglich gehalten, dass Biphobie tatsächlich ein Ding ist. „Hey, lass uns gemeinsam die Fahnen schwingen! Ach, das ist ja garnicht die Bunte Pride-Fahne! Was ist das denn? Oh Mensch, neee, dann nicht“ CSD Berlin 2016, Flaggen auf Halbmast und dann das. Hat sich ins Gedächtnis eingebrannt.

    • Was ich bei dem CSD dieses Jahr gut fand war, das die Veranstalter und viele Gruppen immer betont haben das es nicht nur eine Demo für Schwule Weiße Männer ist. Wir sind in einer großen Bi Gruppe gelaufen und hatten sogar einen eigenen Gesprächstpart auf den ersten Wagen. Wir haben dort auch Bifeindlichkeit angesprochen und tun es immer wo es sein muss. Nimm es nicht persönlich, wenn einige nur ihre Sichtweise und Sexualität zu lassen wollen.

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