„Bi-asexuell“? Wie geht das denn?

Kürzlich las ich im bijou-Magazin (Nr. 24, S. 35) den Beitrag einer Frau, die sich als bi-asexuell bezeichnet. Im ersten Moment fand ich das verwirrend und dann sehr interessant. Ich habe seitdem viel darüber nachgedacht (vor allem, weil es auch meine eigenen Beziehungen plötzlich in ein anderes Licht getaucht hat) und mich dazu ein wenig belesen; nun möchte ich dies gern mit euch teilen. Meiner bisherigen Erfahrung nach gibt es an "gängigen" Sexualitätskonzepten (also jene, unter denen sich die meisten Menschen auf Anhieb etwas vorstellen können) die Hetero-, die Homo-, die Bi- und die Asexualität, die alle getrennt voneinander stehen und, profan ausgedrückt, wie folgt aussehen: der_die eine will nur das gegenteilige Geschlecht, der_die andere das gleiche, manche wollen beide Geschlechter und manche eben gar keines. Alles darüber hinaus erfordert meist ein wenig gedankliche Auseinandersetzung mit der Materie, glaube ich – wenn mensch sich z. B. nicht definieren will, wenn die gängigen Konzepte nicht passen, nicht gefallen, grundsätzlich hinterfragt werden etc.; daraus resultieren dann neue Bezeichnungen wie pan-/omnisexuell, bicurious, homo-/heteroflexibel, queer oder einfach der komplette Verzicht auf solche Kategorien. (Ich selbst bevorzuge den Begriff pansexuell eigentlich auch, habe aber bei den meisten Leuten keinen Bock auf einen Rattenschwanz an Erklärungen und gebe mich daher in der Regel mit bisexuell zufrieden, außer bei Leuten, die mir wichtig sind und/oder die es tatsächlich interessiert.)

Nun entspricht das, was ich oben ganz geschrieben habe, aber nicht ganz der Wahrheit, wie ich inzwischen begriffen habe: nicht alle vier Konzepte müssen unabhängig voneinander sein, denn asexuelle Menschen können sich ebenso als hetero, homo oder bi (oder pan, omni, flexibel…) bezeichnen. Das „sexuell“ im Wort macht es nur etwas kompliziert, da oft angenommen wird, asexuell hieße „nicht-sexuell“ – in Wirklichkeit entspricht asexuell aber „auf-kein-Geschlecht-sexuell“, ebenso wie bisexuell als „auf-zwei-Geschlechter-sexuell“ gilt.* Insofern ist die im bijou-Magazin verwendete Bezeichnung „bi-asexuell“ eigentlich widersprüchlich, aus Ermangelung prägnanterer Begriffe aber wohl unumgänglich.

Viel wichtiger ist es, zu verstehen, dass Asexuelle sehr wohl romantische Beziehung zum eigenen oder anderen Geschlecht aufbauen und sich somit auch als homo/bi/hetero/… verstehen können. Ebenso können sie aus verschiedenen Gründen und auf verschiedene Art und Weise mit ihren Partner_innen Sex haben; es gibt hier, ähnlich wie bei der Bisexualität, sehr viele Abstufungen und keine eindeutige Wahrheit, wieviel Intimität und Sex im Spiel sein darf bzw. nicht darf. Manche Asexuelle bezeichnen sich (zumindest im englischsprachigen Raum) lieber als „gray-A„, was bedeuten kann, dass sie ab und zu jemandem gegenüber sexuelle Anziehung verspüren oder dass sie diese zwar verspüren aber nicht ausleben wollen/“müssen“ oder auch, dass sie nur unter ganz bestimmten Umständen Sex mit anderen genießen können. Oder halt was anderes. Eine ähnliche, aber etwas genauer „definierte“ Bezeichnung dafür ist demisexuell.

Überhaupt: was genau ist eigentlich sexuelle Anziehung (im Gegensatz zur romantischen, intellektuellen, was weiß ich)? Selbst im Gespräch mit Freunden sowie über diverse Twitter-Diskussionen kann ich letztendlich nicht in Worte fassen, wie sexuelle Anziehung eigentlich definiert wird… ist es „Appetit/Heißhunger auf eine_n andere_n haben“? Eine_n andere_n „anfassen wollen“, selbst wenn es ein_e Unbekannte_r ist? Ein „Kribbeln unterhalb der Gürtellinie“ verspüren? Wie würdet ihr Nicht-Asexuellen dies definieren?

Ich schreibe das hier alles, weil ich Asexualität auch als wichtigen Teil der Debatte um Sexpositivismus empfinde, die in meinen Augen zu wenig Beachtung findet; vielleicht, weil das Interesse fehlt, vielleicht, weil zu wenig darüber bekannt ist? Was denkt ihr darüber? Es scheint fast sogar so, dass Asexualität noch immer auf viel Unverständnis stößt, selbst in „progressiven Szenen“; einen sehr interessanten Beitrag dazu findet ihr hier, einen weiteren (Asexuelle leicht glorifizierenden?) auf Englisch hier.

Generell ist die Asex-Wiki äußerst lesenswert und stellt auch ein ausgiebiges FAQ bereit (vieles davon entspringt wiederum dem englischsprachigen AVEN-Netzwerk).

Übrigens können auch (bi-/homo-/hetero-/…-)sexuelle Menschen einfach mal asexuelle Phasen haben, ohne sich deswegen als Asexuelle_r bezeichnen zu müssen… am Ende ist es hier ähnlich wie mit der Bisexualität: mensch kann sich selbst irgendein Label verpassen – oder halt nicht. 😉 Wichtig ist dabei nur, dass in einer Partnerschaft bzw. in einer romantischen/sexuellen Beziehung immer wieder kommuniziert wird, ob und wie viel Sex gerade ok ist. In Bezug auf dieses Thema ist Wir lieben Konsens sehr empfehlenswert.

* Bitte jetzt keine Grundsatzdiskussion zu Geschlechterbinaritäten starten; die Problematik ist mir bekannt, darauf sind wir auch im Podcast eingegangen und das kann gerne an anderer Stelle diskutiert werden.

 

4 Kommentare zu „Bi-asexuell“? Wie geht das denn?

  1. @Marco:

    Es gibt dieses Forum asexuality.org in dem sich sehr viele Asexuelle (egal in welcher Hinsicht) tummeln.

  2. Ich bin die Autorin des Bijou-Artikels und gerade zufällig auf dieser Seite gelandet. Freut mich sehr, wenn mein Text interessant war und neue Denkanstöße geliefert hat! 🙂

  3. Ich fand diesen Bericht gut, weil es aufzeigt, dass ich nicht der einzige Bi-Asexuelle bin. Gut, ich war es nicht von Beginn an, es hat sich mit der Zeit so entwickelt. Ich fühle mich immer noch zu Frauen und Männern hingezogen, aber sexuell lebe ich es seit 3 Jahren nicht mehr aus.
    Wahrscheinlich gibt es nochmehr von uns. Wäre interessant, welche kennenzulernen.

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