Lieblingsserien: „Glee“

Was haben ein junggebliebener Spanischlehrer, eine schwarze Diva, ein Schwuler mit Falset-Stimme, eine schwangere Cheerleaderin, ein Rollstuhlfahrer und eine stotternde Asiatin im Gothic-Look gemeinsam? Vermutlich sehr vieles, aber in der 2009 gestarteten US-Fernsehserie "Glee" in erster Linie die Tatsache, dass sie Mitglied im Show-Chor (engl. glee club) der örtlichen Highschool sind und somit zu den absoluten Losern selbiger zählen. http://www.youtube.com/watch?v=gIvleB5fF78

Im Laufe der bereits mehrfach preisgekrönten Serie, die momentan in der 2. Staffel ausgestrahlt wird, geht es um diese und andere Highschool-Kids, ihre Beziehungen untereinander, zu Mitschüler_innen und Lehrer_innen sowie um Gesang und die Teilnahme an Wettbewerben, welche dem Glee Club endlich seinen Loser-Status entziehen sollen. Wie in den meisten Teenager-Serien machen erwiderte und unerwiderte Verliebtheiten, geheime Affären, hinterhältige Intrigen und unerwartete Begebenheiten den Charakteren das Leben schwer, doch immerhin lässt sich dies zu fast jeder Gelegenheit mit einem gefühlsmäßig passenden Lied ausdrücken. Das Genre lässt am ehesten als Musical-Dramedy bezeichnen, denn Ernsthaftigkeit und (teils absurde) Komik der Serie wechseln sich in rasantem Tempo ab, stets untermalt von Gesangs- und Tanzausbrüchen. Die Hauptzielgruppe ist zwar ein Teenager-Publikum, doch einige der Storylines drehen sich vorrangig um die erwachsenen Charaktere der Serie.

Was ich an „Glee“ extrem toll finde und wieso ich die Serie hier vorstelle, ist der Umgang mit den darin vorkommenden homosexuellen Geschichten. Homosexualität ist von Beginn an einer der Hauptstorylines, die sich zunächst auf den Charakter Kurt beschränkt und später auf mindestens drei weitere Personen ausweitet – so viele nicht-heterosexuelle Charaktere habe ich noch nie in einer US-Serie gesehen, die sich an Teenager richtet. Tatsächlich sah es zunächst sogar so aus, als wäre eine der weiblichen Hauptcharaktere bisexuell, auch wenn sich die Storyline momentan eher in Richtung lesbisch bewegt… aber so ganz ist das noch nicht abzusehen. Ein anderer weiblicher Charakter denkt hingegen überhaupt nicht über Geschlechter nach, sondern liebt einfach den jeweiligen Menschen.

Zum Thema Homosexualität werden die „typischen“ Aspekte derselben gezeigt und teils als Hauptaugenmerk einer Folge, meist jedoch als roter Faden der Serie aufgegriffen: Versteckspiel in der Schule, Coming-Out vor Freunden und der Familie, unglückliches Verliebtsein in Heterosexuelle oder Mobbing, aber auch eher selten angesprochene Aspekte wie z. B. Aufklärung / Safer Sex. Besonders hervorzuheben finde ich die Beziehung zwischen Kurt und seinem alleinerziehenden Vater, die sich von Anfang an ganz anders und deutlich positiver entwickelt, als die meisten Zuschauer_innen auf den ersten Blick vermutet hätte. Ich möchte keine Details der Handlung verraten, aber tatsächlich ist der Umgang von Kurts Vater mit der Homosexualität seines Sohnes eine der interessantesten Storylines von „Glee“. (Eine dieser bewegenden Szenen ist bei YouTube zu sehen, falls ihr euch spoilen wollt.) Weitere spannende Themen neben der Sexualitätsfrage sind u.a. Teenager-Schwangerschaft, Rassismus (leider bisher eher mäßig umgesetzt), psychische Störungen, Alkoholismus, fragwürdige Schönheitsideale, Armut und Behinderung sowie – selbstredend – Lieder, Gesang und das Showbusiness.

Kritiker_innen bemängeln an „Glee“ oft, dass oben genannte Themen noch besser hätten umgesetzt werden können und dass die Serie viele verbesserungswürdige Schwachstellen hat, wie z. B. die Konsequenzlosigkeit einiger Handlungen (besonders vom Coach der Cheerleader_innen) oder den Asiaten-Klischees (bzw. der Tatsache, dass „asiatisch“ nicht einmal näher definiert wird). Andererseits gibt es keinen selbsternannten Auftrag der Serie, die Welt zu retten, und es finden sich in „Glee“ trotz der berechtigten Kritik unzählige Aufrufe zu mehr Toleranz, die vor allem dadurch funktionieren, dass die Zuschauer_innen diverse Problematiken durch die Augen der Charaktere miterleben und eventuell zum ersten Mal bewusst wahrnehmen. Ebenso bemerkenswert finde ich den Appell der Serie, sich zu mögen und zu sich selbst zu stehen, selbst wenn andere einen als „Loser“ sehen – dieses Anliegen zieht sich wie ein roter Faden durch „Glee“.

Leider wird „Glee“ in den USA vor allem von konservativer Seite für das positive Zur-Schau-Stellen von Homosexualität stark angegriffen, zuletzt von MyFox Houston. Auch die deutsche Jugendzeitschrift BRAVO scheint noch keinen progressiven Schritt nach vorn gemacht zu haben, doch Videos wie dieses (vermutlich inszeniert – Achtung Spoiler!) machen auf jeden Fall Hoffnung, dass die „Glee“ schauenden Zuschauer_innen von heute eine deutlich tolerantere Gesellschaft von morgen stellen könnten.

Seit September 2010 wird „Glee“ auch im deutschen Fernsehen bei SuperRTL ausgestrahlt. Leider ist die deutsche Synchronisation der Serie sehr bescheiden; als deutlich schlimmer empfinde ich jedoch die fehlenden Untertitel zu den Liedern, da diese einen großen Teil zur tatsächlichen Handlung beitragen. Schade, SuperRTL – hoffen wir auf eine besser gelungene DVD-Version. Nachtrag: Ich habe mich am 16. Mai kurz mit @SUPERRTL via Twitter über die Synchronisation unterhalten (Bild).

6 Kommentare zu Lieblingsserien: „Glee“

  1. Kleine Leseempfehlung zu „Glee“: ein englischer Blog mit meiner Meinung nach unglaublich toll geschriebenen Texten zu einzelnen Charakteren oder Episoden.

    http://www.drshebloggo.com/p/your-guide-to-glee-at-dr-she-bloggo.html

    Tumblr: http://drshebloggo.tumblr.com/writings

  2. Ich bin schon länger Fan von dieser Seite und auch von deinem Blog, Paula…aber dass du jetzt auch noch Glee magst…hach. 🙂

    Die Serie hat Fehler und ist ab und an wirklich kitschig…so what, ich mag sie. Sehr. Und auch eigentlich so ziemlich alle Charaktere mit allen Stärken und Schwächen (gut, Will wird mir manchmal zu sehr mit der Brechstange in die Sympathieträgerrolle gekloppt, aber er hat auch seine lichten Momente. 😉 )

    Ich mag vor allem diese Detailverliebtheit, wie zum Beispiel die Blicke, die oft bei Vorträgen im Chorraum ausgetauscht werden…hier sind Santana und Queen-of-Bitchface-Quinn ganz groß.

    Und natürlich Brittany…bitch.

  3. Wie lustig; habe Glee erst vor wenigen Tagen wirklich wahrgenommen. Und nach genauerem Hinsehen muss ich sagen… Das hat was.
    Ich weiß aber nicht, ob ich so gelungen finde, dass Super RTL die Sendung ausstrahlt. … Hab mir die Glee Folgen jetzt auch im Netz statt im TV angesehen; denn naja… Super RTL. … 😉

  4. Ich liebe Glee so unfassbar sehr. Ich möchte fast sagen, dass es mein Leben verändert hat. Allenfalls The O.C. und Sailormoon haben mich derart geprägt. 😉 Glee hat diese eine Botschaft, die jeden Menschen erreichen sollte – und weil es darum geht, dass es verdammt nochmal jeder mitbekommt, ist es an manchen Stellen vielleicht zu schnell, zu oberflächlich, zu unvollständig, das stört mich selbst oft, aber dafür… ist es einfach jedem gleich nah und klar. Daher denke ich, es ist zu verschmerzen, dass Ryan Murphy manchmal zu vergessen scheint, dass er 20 Storylines laufen hat und in der letzten Folge nur 3 davon behandelt wurden. 😉 Glee öffnet Augen und Herzen. Auch dadurch, dass es sich vielleicht nicht zu tief, nicht zu lange, in etwas stürzt.

    • Ja, mit deiner Kritik hast du recht, aber vor allem, was du sonst sagst – es müssen halt immer irgendwo Abstriche gemacht werden, und da ist mir das bei der Storyline lieber, wenn sie dafür die Problematik (überspitzt oder nicht) auf den Punkt bringen.

      Oh ja, Sailor Moon hat mich auch sehr geprägt! Unter anderem auch hier die positive Darstellung von Homosexualität und Transgender (zumindest im Original). Hach, könnte ich auch mal wieder schauen. (<3 Haruka!!)

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